| Echterdingen: Der etwas andere Schulausflug... |
Integrativ arbeiten - Barockmusik live„Chorleitung“ heißt ein Fach an der Berufsfachschule für Musik. Schwer genug für sehende Schülerinnen und Schüler, erst recht schwierig für blinde Menschen, denn das Raumgefühl ist anders, mit den Händen und Armen schwingende Bewegungen ausführen verlangt besonderen Mut, auch eine gewisse Begabung, und ist für alle ein besonders langer Lernprozess.Dass es bei Chorleitung, beim Chorsingen und bei Musik überhaupt auf das Aufeinander-Hören und gemeinsame Gestalten ankommt sollte bei einem Projekt verdeutlicht werden, das von den Lehrern Maria Meth, Michael Bielaczek und Klaus Schulten mit den Schülern des 1. Jahrgangs der Berufsfachschule für Musik realisiert wurde. Ein Wochenende in Echterdingen (bei Stuttgart) stand auf dem Programm. Dort führte Klaus Schulten mit der Echterdinger Kantorei und einem professionellen Orchester, das auf historischen Instrumenten spielte, das bekannte „Gloria in excelsis Deo“ von Antonio Vivaldi und das vierte Brandenburgische Konzert von Johann Sebastian Bach auf. Einige Stücke in kleinerer Besetzung ergänzten das Programm. Bestimmte Teile des Gloria wurden nicht nur mit dem dortigen Chor, sondern ebenfalls mit den Schülern in Nürnberg einstudiert. Die Schüler fuhren an besagtem Wochenende bereits am Samstag zur Probe ins Württembergische, wirkten bei Vivaldis Musik aktiv im Chor mit und saßen bei Bachs Musik sozusagen mitten im Orchester. Deren Mitglieder erklärten individuell die Instrumente. Jeder konnte diese erfühlen: das Holz der Traversflöte, der Blockflöte, der Barockoboe, zum Beispiel auch den schwingenden Körper des barocken Fagott während des Spiels spüren, eine Barocktrompete ertasten und natürlich alle Streichinstrumente in gleicher Weise erleben und berühren. Am Abend wurde die große Orgel der Echterdinger Kirche besichtigt. Sie hat drei Manuale, ein Pedal und 46 Register. Die Orgel steht vorn im Chor, was den Vorteil hat, dass die blinden Schüler ganz um sie herum gehen konnten und dadurch die Größenverhältnisse erahnen. Danach konnten sie im Gehäuse die Mechanik der Spiel- und Registertraktur erfühlen und daraufhin (über eine Leiter) auf den Stimmgang im oberen Teil der Orgel gelangen. Dort erklärte ihnen der Erbauer der Orgel, Konrad Mühleisen, wo die verschiedenen Pfeifen stehen, deren Bauformen, Klang usw. Manche lernten sogar wie die Töne der Trompete gestimmt werden. Fächerübergreifendes Lernen ist ja in aller Munde: an diesem Wochenende wurde es real: Instrumentenkunde, Musikgeschichte, Chorsingen, Gehörbildung – alles war präsent. Nachdem alle im benachbarten Hotel zur Ruhe kamen, stand am Sonntag Nachmittag die Aufführung an: Dies war wiederum – für Sehende und Blinde gleichermaßen - ein einzigartiges Erlebnis: Es gab Barockmusik live in einer Kirche mit schöner Atmosphäre, in die (trotz widriger Schneeverhältnisse) mehrere Hundert Zuhörer kamen. Es gab eine Chorgemeinschaft, die die Nürnberger Gäste in allem unterstützte und auch bewunderte, was die Schüler geleistet hatten (schließlich gab es keine Noten als Gedächtnisstütze). Und es spielte ein Orchester, das sich gänzlich in den Dienst der Musik stellte, sei es begleitend, sei es solistisch. Doch auch die Lehrer haben etwas gelernt. „Wir fühlen, wie Ihre Bewegungen sind – und wir spüren besonders die Schwingungen im Raum“, sagten die Schüler zum Dirigenten, der ziemlich weit weg stand, darüber doch überrascht war, hiermit den Schülern dankt für ihre Konzentration und Freude an dieser Musik.
Was war das Besondere an diesem Wochenende?Dass die blinden Schülerinnen und Schüler integriert waren und keine Außenseiter, dass sie mit Sehenden gemeinsam Musik auf hohem Niveau gestaltet haben. Und dass alle das Geschenk großer Musik gemeinsam erleben durften: wie Musik anfangen kann zu reden, wie sie ein Spiegel des Lebens wird, voller Ausdruckskraft und Emotion. Klaus Schulten
Auch für uns war dieses Projekt eine besondere Erfahrung:Wir konnten Herrn Schulten als einen Chor- und Orchesterleiter zwei Tage lang erleben, dem es gelang, in uns Momente von berührender Intensität hervorzurufen. Vielleicht deshalb, weil Schulten ein Musiker ist (heutzutage Seltenheitswert) der nicht seine Person - auch nicht die der Ausführenden - sondern eben „Musik pur“ in den Fokus stellt und versucht, sie mit Demut erklingen zu lassen. Von Klaus Bergmann, einem Pastor stammt folgender Satz: „Demut ist die Summe der Handlungen, die alle das eine Ziel haben, den Menschen neben sich wachsen zu lassen.“ Wir alle sind an diesem Wochenende „gewachsen“ – nicht nur musikalisch. Zuletzt möchten wir uns noch recht herzlich bei den Chormitgliedern, insbesondere bei Frau Schulten, für die Gastfreundschaft und tolle Bewirtung bedanken.
Maria Meth, Michl Bielaczek
|
